ABENTEUER 1900 - Leben im Gutshaus

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Das Projekt

20 Frauen, Männer und Kinder des 21. Jahrhunderts erleben ihr größtes Abenteuer: Sie gehen durch einen Zeittunnel und finden sich wieder im Alltag eines ostelbischen Herrenhauses Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Auf sie wartet eine Welt, die durchzogen ist von starren Standesgrenzen. Ob man Junker ist oder Stallbursche, Gutsherrin oder Dienstmädchen - das hat in fast allen Fällen schon die Geburt festgelegt.

 

Interview mit Gabriella Ausonio (Ausstattung)

Als Drehort wurde das Gutshaus in Belitz ausgewählt. Warum?

Entscheidend war zunächst, dass rund um das Gutshaus in Belitz weder Strommasten noch Windräder oder ähnlich moderne Errungenschaften zu sehen sind. Nur so können wir für die Zuschauer und Gutshausbewohner auch bei Außenaufnahmen die Fiktion aufrechterhalten, man befinde sich im Jahr 1906. Die romantisch-idyllische Lage des Drehortes Belitz war ebenfalls mitentscheidend.

Das Haus selbst war – im Gegensatz zu anderen Objekten, die komplett hätten entkernt werden müssen – innen und außen relativ gut erhalten. Dadurch blieben die notwendigen Baumaßnahmen überschaubar.
Die Größe von 1.000 qm und der Grundriss des 1906 erbauten Hauses entsprachen genau unseren Vorstellungen: nicht zu klein, aber auch nicht ausufernd. Die drei Etagen des Hauses konnten wir sehr gut nach Funktion und Stand der Bewohner aufteilen: Im Keller wurden Küche, Vorratsraum und die Kammern der einfachen Bediensteten untergebracht. Im Erdgeschoss befinden sich die Räume, in denen die Herrschaften leben, zum Beispiel das Esszimmer, das Herren- und das Damenzimmer, die Bibliothek sowie das Büro des Gutsherren. Im oberen Stockwerk dann die Privaträume der Gutsherrenfamilie sowie des gehobenen Personals vom Hauslehrer über die Mamsell bis zur Gouvernante. 
Wichtig war für uns natürlich auch, dass die Eigentümer des Gutshauses, Familie Bongardt, sich gegenüber dem Projekt sehr aufgeschlossen zeigten. Sie haben uns, wo es nur möglich war, geholfen und zum Beispiel den Kontakt zu den Bewohnern von Belitz hergestellt.

Gegen wie viele "Konkurrenten" hat sich das Haus durchgesetzt?

Wir haben 50 Gutshäuser in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in die Auswahl genommen. Davon kamen 20 in die engere Wahl und wurden von uns begutachtet. Unter diesen machte das Gutshaus Belitz das Rennen.

In welchem Zustand befand sich das Haus, als Sie es übernahmen?

Das Haus sah ganz gut aus. Das Dach war von den Besitzern Mitte der neunziger Jahre neu gedeckt worden. Ein großer Vorteil: die Familie Bongardt hat bei Renovierungsarbeiten immer Originalmaterialien verwendet. Es wurden beispielsweise keine Rigipswände, moderne Fensterrahmen oder auch neuartige Baustoffe verbaut. 
Im Innern fanden wir Tapeten, Extraeinbauten, Türklinken, PVC-Fußböden – alles mit dem unverkennbaren Charme der DDR-Zeit. Der Keller war tatsächlich nur ein simpler Keller. Wir haben ihn so umgebaut, dass die Bewohner dort zwei Monate leben und arbeiten konnten.
Das Erdgeschoss wurde komplett neu verputzt, im Keller wurden neue Holzfußböden verlegt und Türen eingesetzt, um abgeschlossene Räume zu schaffen.

Hatten Sie ein Muster oder die detaillierte Beschreibung eines typischen Gutshauses?

Ein Vorbild in diesem Sinne gab es nicht. Mein vierköpfiges Team und ich haben viel Literaturrecherche betrieben und in verschiedenen Büchern und Quellen detaillierte Informationen über ostpreußische Gutshäuser, deren Grundrisse und Inneneinrichtung gefunden. Sehr schnell erkannten wir die Aufteilung der Räume und Einrichtungsgegenstände, die man als typisch für die Gutshäuser in dieser Zeit bezeichnen kann. Daran haben wir uns orientiert. 

Es gab um 1900 starke Unterschiede zwischen der technischen Entwicklung in der Stadt und auf dem Land. Welchen Maßstab haben Sie beim Gutshaus angelegt?

Die Recherchen konzentrierten sich auf Guts- und Herrenhäuser auf dem Land. Zum Beispiel haben wir im Gutshaus auf fließend Wasser und Elektrizität verzichtet. Auf dem Lande gab es diese „Errungenschaften des modernen Lebens“ noch nicht, in vielen Städten hatten sie sich dagegen schon durchgesetzt. 

Entspricht der Zustand des Gutshauses nach dem Umbau den Gegebenheiten um 1900 speziell in Mecklenburg-Vorpommern?

Architektonisch entspricht das Gutshaus in seiner Schlichtheit und Sachlichkeit der norddeutschen Bauweise zu dieser Zeit. Bei der Inneneinrichtung haben wir uns auch Ideen bei Gutshäusern anderer Regionen entliehen. 

Woher bekamen Sie die Baumaterialien und die entsprechenden Einrichtungsgegenstände?

Ein Beispiel: Die Tapeten habe ich in Göteborg anfertigen lassen, denn dort gibt es noch eine Original-Druckerpresse von 1870, die mit alten Druckerrollen aus dieser Zeit arbeitet. Dort ließ ich Sonderdrucke, was die Farben und Muster der Tapeten anbelangt, produzieren, damit auch alles wie im Jahr 1906 ist. Übrigens: Das norwegische Königshaus zählt auch zu den Kunden dieser Druckerei. 
Sehr viele Requisiten fand ich bei antiken Bauhändlern und in Heimatmuseen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, zum Beispiel im Naturkundemuseum Potsdam, dem Ofenmuseum Velten und den Heimatmuseen von Teltow und Friesack.

Einen großen Teil der Wäsche-Utensilien und Waschtröge bekam ich aus dem Wäscherei-Museum Berlin-Köpenick. Richtig lange habe ich nach einem Brutofen gesucht, der durch Petroleum und Kohle betrieben wird. Gefunden habe ich diesen schließlich in einem Museum in Wandlitz.
Er musste dann allerdings noch von einem Experten der Firma Sartorius, die früher diese Geräte hergestellt hat und heute Laborgeräte produziert, restauriert werden. Denn mit einem zwar gut erhaltenen, aber nicht funktionstüchtigen Gehäuse wäre uns ja nicht geholfen gewesen. Neben Museen haben uns auch einige Privatpersonen Gegenstände aus ihrem Besitz zur Verfügung gestellt. 

Würden Sie persönlich gern in einem Gutshaus, unter den Bedingungen jener Zeit leben?

Ja. Als Stadtmensch reizt es mich sehr stark, für eine bestimmte Zeit auf dem Land zu leben. In der Zeit der Produktion habe ich auch drei Monate täglich bis zu 15 Stunden dort verbracht und kenne jeden Winkel des Hauses. Natürlich muss man sich zunächst an den Mangel an Komfort gewöhnen – ein Leben ohne Elektrizität und ohne fließend Wasser ist nicht so einfach. Jedoch nach und nach lebt man sich in die Gegebenheiten der Zeit um 1900 ein, denn Kerzen und Petroleumlampen haben auch einen gewissen Charme.

(Das Interview ist der Web Dokumentation der Sendereihe entnommen. Weitere Informationen unter:

http://www.daserste.de/abenteuer1900/

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